Die Schützengesellschaft gestern und heute
Die Stellung der Schützengesellschaft in Frauenfeld war vielfach eine zweiseitige, oft sogar zwiespältige. Sie war einerseits Teil der städtischen Wehrorganisation und damit unter der Kontrolle des Rates; anderseits entsprachen die Stadtschützen einem Zusammenschluss von Schützenfreunden, also einem Verein zur Durchführung friedlicher Wettkämpfe und zur Pflege der Geselligkeit. In der Regel schloss aber das Eine das Andere nicht aus. Eine Verquickung der öffentlichen und der privaten Stellung war auch dadurch gegeben, dass viele Ratsherren zu den Mitgliedern gehörten und damit nicht selten als Amtsträger wie als Mitglieder oder Chargierte des Vereins auf das Gesellschaftsleben Einfluss nahmen. Dies zeigte sich vor allem darin, dass sich die beiden Stadtschultheissen alternierend im Amt des Stadtschützenobmannes ablösten.
Die Schützenvereine galten immer wieder als eigentliche Organisationen zur Wahrung der Kriegstüchtigkeit in Friedenszeiten. Das hatte auch seine Auswirkungen bei den Stadtschützen. Das Interesse am Schiessen war gross und die Tätigkeiten vom 16. bis weit ins 17. Jahrhundert entsprechend vielseitig. Das regelmässige Sonntagsschiessen und die vielen Schützenfeste zeugten eindrücklich davon. Das bereits erwähnte Auf und Ab machte sich dann aber auch bei den Frauenfelder Stadtschützen bemerkbar. Im Laufe des 18. Jahrhunderts begann ein langsames aber stetiges Aussterben der Feste, und das Leben in der Gesellschaft verlor an Schwung. Die Verantwortlichen und die Räte versuchten zum Teil mit Zwangsmassnahmen den Betrieb zu beleben, dies wohl auch im Interesse der Erhaltung der Wehrfähigkeit. Im Sommer musste man mindestens sechs Mal zum Schiessen antreten, wollte man preisberechtigt sein. Die Schützengemeinde beschloss sogar, dass jeder Schütze an jedem Schiesstag, also immer am Sonntag, zum Schiessen anzutreten habe, ansonst Bussen fällig wurden. Auch das gesellschaftliche Leben nach dem Schiessen wurde mehr und mehr vernachlässigt. Schützen, die sich sofort nach dem Schiessen entfernten, gingen der herausgeschossenen Gaben verlustig. All diese Massnahmen brachten aber nicht viel und mussten rasch wieder aufgehoben werden; die Entwicklung nach unten war unverkennbar.
Die Geschäfte an den Jahresversammlungen nahmen ab. Die Protokolle von 1794 und 1795 enthalten nur noch wenige Sätze; dasjenige von 1797 blieb angefangen. Ende des 18. Jahrhunderts und auch als Folge der Französischen Revolution und dem damit verbundenen Einmarsch französischer Heere, nahte das Ende unserer Schützengesellschaft. Durch die neuen Herren wurde eine allgemeine Entwaffnung angeordnet und das Schützenhaus, vom Kanton beschlagnahmt, diente zeitweise als Kaserne und Zeughaus. Es mag reiner Zufall gewesen sein, dass der Schützenhausfonds bei der Auflösung der Gesellschaft nicht auf die Mitglieder aufgeteilt wurde. Der letzte Schützenpfleger der »alten Gesellschaft« hütete die Kasse in aller Stille, vermehrte sie soweit möglich mit Zinserträgen und schloss sie jeweils auf Lätare ordnungsgemäss ab. Später ging die Verwaltung an das Sekretariat der Stadt über. Nach Abklingen der Revolutionswirren kam dann allmählich der Gedanke auf, ehemaligen Gesellschaftern den Auftrag zu erteilen, die Schützengesellschaft neu zu organisieren.
Am 9. April 1820 fand die Neugründung in dem den Schützen wieder zur Verfügung gestellten Schützenhaus statt. 16 alte und 52 neue Mitglieder waren bei der Gründungsversammlung dabei. Nach einem Probeschiessen wurde am Sonntag, 23. April, das regelmässige Schiessen wieder aufgenommen! Der Schiessplatz zwischen Zürcherstrasse und Murg, westlich des Schlosses war nun wieder Ort der Schützenzusammenkünfte. Am Montagnachmittag, später dann im Wechsel von Sonntag und Montag, fanden sich die Mitglieder zum Üben ein und eiferten wieder um Batzen und Gaben. Der konservative Geist der alten Gesellschaft wurde dabei offenbar noch gewahrt; Bürger genossen weiterhin wertvolle Privilegien, von denen die Nichtbürger ausgeschlossen waren.
Die künftige Schiesstätigkeit war geprägt durch die andauernden Verbesserungen der Waffen und die Einführung von Ordonnanzwaffen. Das wettkampfmässige Schiessen, soweit von einem solchen gesprochen werden kann, nahm zu. Die Frauenfelder luden des öftern zu sogenannten »Freyschiessen« ein, an denen Gaben herausgeschossen werden konnten: für den Hauptstich 4 erste Gaben mit je einer Fahne, für einen Glücksstich 12 Gaben und für einen Stich auf eine »Grenadierscheibe« 20 Gaben. 1836, 1854 und 1855 fanden die Kantonalschiessen in Frauenfeld statt, was ebenfalls auf die grosse Aktivität der Stadtschützen hinweist. Anfangs der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts forderte der Bundesrat die Schiessvereine auf, bei der Förderung der Schiessfertigkeit der Armeeangehörigen mitzumachen und half auch, die damit verbundenen Kosten zu tragen. 1883 erliess der Bundesrat eine Verordnung, die das obligatorische Bundesprogramm zum festen Bestandteil der Schiesstätigkeit in den Schützenvereinen machte. Geschossen wurde auf 300 m kniend und stehend, lediglich auf 400 m kannte man die Liegendstellung. Der entsprechende Scheibenwall westlich des Schollenholzes ist heute noch vorhanden. Die Bundesbeiträge mussten gemäss Vorschrift den Schützen ausbezahlt werden. Die Stadtschützen legten diese Vorschrift auf ihre Art und Weise aus: Laut Beschluss der Schützengemeinde von 1895 wurden die Beiträge durch die Vereinskasse vereinnahmt und konnten am Endschiessen im Rahmen eines besonderen Geldstiches wieder herausgeschossen werden.
Mit fortschreitender Zeit nahm die Schiesstätigkeit der Stadtschützen je länger je mehr die Form des heutigen Schiessbetriebes an. 1903 wird erstmals von einem Eidgenössischen Feldsektionsschiessen berichtet, Vorgänger des heutigen Feldschiessens. Die Fahrten an diese meist auswärtigen Schiessen – teilweise bis an den Untersee – waren äusserst beliebt, nahmen daran doch bis 80 und mehr Stadtschützen teil. Alle 3 Jahre, den Turnus kennen wir heute noch, besorgten die Stadtschützen die Organisation, wobei Samstag und Sonntag bis zu 800 Schützen aus benachbarten Sektionen teilnahmen. Mit der Zeit wurden zur Förderung der Schiessfertigkeit die Standübungen eingeführt und es wurden sogenannte Jahresmeister gekürt. Allerlei Prämien, Gaben und Wanderpreise wurden für die Besten ausgesetzt, und auch weniger geübte Schützen konnten Jahr für Jahr sogenannte Zinnpunkte sammeln, um dafür mit der Zeit Zinnbecher, Zinntableau und Zinnkanne einzulösen. Ein Endschiessen und ein zugehöriges »Grümpelschiessen für Jedermann«, ein winterliches Sauschiessen, das später durch das noch heute existierende Bechtelisschiessen abgelöst wurde, gehörten zu den regelmässig durchgeführten Anlässen.
Ab Anfang der Dreissigerjahre nahmen die Stadtschützen auch an historischen Gedenkschiessen teil. Das Morgartenschiessen wird seit 1932 als Stammsektion regelmässig mit 2 Mannschaften mit je 10 Schützen besucht. Seit 1936 gehören die Stadtschützen zu den ständigen Gastsektionen des St.Jakobschiessens in Basel, dies neuerdings auch mit der Pistolensektion. Das Rütlischiessen wurde im Laufe der Zeit dreimal besucht, und als Verbandssektion gehört die Teilnahme am Historischen Schwaderlohschiessen sowohl für die Gewehr- wie auch die Pistolensektion zum festen Jahresprogramm. Der Besuch Eidgenössischer Schützenfeste, mehrerer Kantonalschützenfeste pro Jahr und unzähliger Schiessanlässe in der Region gehörten und gehören selbstverständlich zu unseren Aktivitäten. Jahr für Jahr findet man die Sektionen aller Distanzen, die Gruppen und auch Einzelschützen auf guten Rangplätzen. Damit sei unterstrichen, dass auch bei den Frauenfelder Stadtschützen das Schiessen als Sport mit all seinen Konsequenzen endgültig Einzug gehalten hat. Ausgiebiges Training und interne Wettkämpfe gehören ebenso dazu wie die Durchführung von Jungschützenkursen und die Förderung des Nachwuchses in entsprechenden Kursen.
Das Gesellschaftsleben spielte bei den Stadtschützen schon immer eine wichtige Rolle. Wurden zu früheren Zeiten zum Saisonschluss, das heisst nach dem Chilbischiessen, sogenannte Herrenabende durchgeführt, wurden diese später durch eigentliche Schützenbälle mit allem Drum und Dran abgelöst. Noch heute gehört der Anlass, wenn auch mit etwas bescheidenerem Namen Schützenabend, zum Jahresabschluss. Er umfasst das Absenden des Endschiessens und des Stadtschützenstichs, die Rangverkündigung der verschiedenen Jahresmeisterschaften, die Vergabe der Uhrenpunkte und im besonderen die Veteranenehrung. Als Beitrag zum geselligen Leben wollen wir unsere wunderschöne Schützenstube nicht vergessen, die uns jahrein, jahraus als Ort gemütlichen Zusammenseins dient.
Heute, am Anfang des neuen Jahrhunderts, sind die Stadtschützen Frauenfeld ein grosser, starker Verein. Mit unserer Schiesssanlage Schollenholz ist die Ausübung des Schiesssportes auf alle Distanzen und mit allen Waffen auch für die Zukunft gesichert. Dies alles haben wir nicht zuletzt auch unseren Vorgängern, seien dies gute Schützen, engagierte Vorstandsmitglieder oder auch wohlgesinnte Behördenvertreter gewesen, zu verdanken. Sie waren es, die es immer wieder verstanden, die Gesellschaft in Schwung zu bringen und vor allem zu halten. Es waren diejenigen, die, wie ich eingangs vermerkte, immer wieder im richtigen Zeitpunkt dafür sorgten, dass der Verein »geüffnet«, also vermehrt, vergrössert und gestärkt wurde.